Ein ungeschliffener Diamant

Niederstraße 99, 47829 Krefeld, Deutschland



Unverändert steht er treu an seiner gewohnten Stelle: der weiße Kran am Rheinufer in Krefeld-Uerdingen. Es ist nicht irgendein x-beliebiger Kran. Es ist der Lieblingsplatz von Alexander Tessier: „Von hier aus schaue ich mir oft den Sonnenuntergang auf der anderen Rheinseite an. Die Sonne geht hinter der Uerdinger Brücke unter: Für mich ist dies immer wieder aufs Neue ein beeindruckendes Bild“, schwärmt der Kanadier, der vor zwei Jahren zusammen mit seiner Schwester Christine Tessier die Kaffeerösterei „beans & sweets“ in Krefeld-Uerdingen eröffnet hat.

Geboren in Barry‘s Bay in Kanada, ist Alexander Tessier vor 16 Jahren in die Nähe seiner Mutter an den Niederrhein gezogen. Mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern wohnt er in Viersen. Sein Alltag spielt sich jedoch in Krefeld-Uerdingen ab, wo er auch gerne den Feierabend einläutet. „Vom Uerdinger Rheinufer aus hat man einen unendlich weiten Blick. Wenn die Sonne untergeht, dann schau ich ihr einfach zu und genieße den Moment in vollen Zügen. Dabei komme ich zur Ruhe und kann alles um mich herum ausblenden.“

Nicht nur dieses Naturspektakel zieht ihn immer wieder an den besagten Ort zum weißen Kran, sondern auch die Inspiration, die der 37-Jährige hier für sein Café gewinnt – sowohl für die Kreation neuer Kaffeesorten als auch für die Innenarchitektur seiner Uerdinger Lokalität. „Beim Anblick der Uerdinger Rheinbrücke mit ihrer Stahlkonstruktion werde ich in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs der weltweiten Konjunktur zurückversetzt. Uerdingen war in den 1930er-Jahren von der Industrie geprägt. Die Brücke könnte rein optisch aus der Zeit stammen. Dann träume ich davon, wie ich damals auf meinem eigenen Kahn über den Rhein geschippert wäre, während ich hier so am Wasser sitze und mir die Schiffe ansehe.“

 

Verborgene Schönheit

Als bekennender Fan dieser Ära der 1920er- und 1930er-Jahre fasziniert Alexander Tessier besonders die traditionelle Häuserarchitektur mit ihren Altbauten in Uerdingen. „Für mich ist Uerdingen wie ein ungeschliffener Diamant. Ein Stadtteil mit verborgener Schönheit im Detail, die eine Geschichte erzählt, deren Spuren man lesen kann.“ Die Altbauten, der Rheinblick, die Künstlerwerke in der Rhine Side Gallery und vieles mehr – all das hat für Alexander Tessier unendlich viel Charme. Genauso wie die 20er und 30er: „In der Zeit des industriellen Booms wussten die Leute, was sie wollten. Es herrschte ein rauer Ton, es wurde angepackt und gemacht, nicht nur geredet. Hier am Rhein, an meinem alten Kran, stelle ich mir bildlich die Seeleute mit ihren Fässern beim ‚Schnapskampf‘ auf ihren Schiffen vor“, berichtet er von seiner Zeitreise, auf die er sich von seinem Lieblingsplatz aus regelmäßig begibt.

Kaffee zum Träumen

Zwar bleibt die Karriere als Kapitän auf dem Rhein bisher nur eine Phantasie, aber seinen Traum vom eigenen Café hat er verwirklicht. Dabei zeichnete sich für Alexander Tessier ursprünglich ein ganz anderer Weg ab. Schließlich war er als gelernter Metzger in Kanada beschäftigt. Wie kam der Sinneswandel? „Ich habe immer schon gerne Kaffee getrunken. Zu meinem 30. Geburtstag wollte ich meine Gäste mit einem besonders leckeren Tropfen verwöhnen. So habe ich mir einen Siebträger und Kaffee von einem professionellen Privatröster in Düsseldorf gekauft. Der Geschmack war beeindruckend“, blickt der heutige Kaffeeröster zurück. Doch nur von dem Genuss zu profitieren war Alexanxer Tessier letztendlich nicht genug. Er wollte diesen Geschmack selbst kreieren. So nahm die Idee ihren Lauf.
Seine Schwester hatte bereits zu Highschool-Zeiten die Idee des eigenen kleinen Cafés im Hinterkopf. Also haben die beiden in der Berlin School of Coffee gelernt und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Bei der Gestaltung der Lokalität hat der Wahl-Niederrheiner seine Träumereien in die rustikale Ausstattung seiner Rösterei mit einfließen lassen. Dabei sorgen neben knarrendem Holzboden – musikalisch begleitet von Swing- und Jazzrhythmen aus der Musikbox – Barlampen mit warm leuchtendem Licht sowie gemütlich überzogene, robuste Stahlstühle für eine behagliche Atmosphäre.

Röstmaschine als Herzstück

Besonders das Herzstück des Cafés, die große, traditionelle Kaffeeröstmaschine, ist ein echter Hingucker für jeden Besucher. Durch dieses Ambiente macht Alexander Tessier seine Zeitreise für jeden erlebbar. „Unsere Gäste sollen sich bei uns erholen und so wohl und geborgen fühlen wie in einem gemütlichen Wohnzimmer.“ Wer sehen möchte, wie aromatisch duftender Kaffee geröstet und zubereitet wird, der ist hier genau richtig. Dabei spiegeln die Kaffeesorten „Der Uerdinger“ und „Kanadischer Schwarzbär“ die alte und neue Heimat der Inhaber-Geschwister wider. Für Naschkatzen gibt es dazu ein Stück selbstgebackenen Kuchen aus dem Ofen, zubereitet mit viel Zeit und Liebe nach Großmutters Rezept. „Die Leute nehmen sich bewusst diese Zeit, genießen die Ruhe, den Kaffee- und Kuchengenuss sowie intensive Gespräche.“

Alexander Tessier bedauert es sehr, dass durch das Überangebot der Medien das Gespür für das Wesentliche verloren gehe. Deswegen möchte er eine Atmosphäre schaffen, in der die Menschen ihr Handy weglegen und mit Entspannung ein „echtes“ Gespräch führen. Mit der Kulisse, die er dafür bietet, lässt Alexander Tessier jeden, der mag, an seiner eigenen Zeitreise, die er am Rheinufer erlebt, teilhaben. Wer weiß, vielleicht heißt die nächste Kaffeesorte „Der weiße Kran“.

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